Neulich im Rahmen eines Gesprächs sagte mir jemand, dass Spiritualität und Reiki nichts in einer seriösen naturheilkundlichen Praxis zu suchen hätten. Das wäre schliesslich Esoterik und das wiederspreche komplett der anerkannten Naturheilkunde mit Pflanzenmedizin, Ernährung und Bewegung! Ist das so?

Ist doch alles Esoterik

Wer entscheidet, was ein Mensch denkt, fühlt und wahrnimmt? Meiner Meinung nach sind es verschiedene Sichtweisen und kulturelle Hintergründe, verteilt über 2000 Jahre naturphilosophischer Geschichte. Manches davon gehört heute in die Gebiete der Natur- und Geisteswissenschaften oder unterliegen historischen Ansätzen von Heilbehandlungen. Nicht zu vergessen die kulturell bedingte Weitergabe von Tradition an die nächste Generation. Wiederum anderes kann man getrost, als historisch und nicht mehr praktikabel beiseiteschieben oder eben als Esoterik benennen.

Traditionelle Naturheilkunde oder Esoquatsch?

Ich bin etwas ketzerisch und sage frech: Geschichtshistorisch betrachtet ist die ganze Wissenschaft «esoterisch» und «exoterisch». Den die Begriffe stammen aus der stoischen Philosophie, welche versuchte mit einer Innen- und einer Aussenschau naturwissenschaftliche Zusammenhänge zu ergründen und sich mit stoischer Gelassenheit, Weisheit und Selbstbeherrschung einen Platz im Kosmos zu finden. So wie zu verstehen wie die Natur in ihrer ganzen Vielfalt funktioniert.

Im späteren Verlauf kamen auch philosophische Geheimbünde mit hermetischen Praktiken dazu. Aber auch die Studien der Alchemie, naturheilkundliche Lehren nach Paracelsus und selbst das psychologische Gedankengut nach C.G. Jung, die Bioenergetik nach A. Lowen oder naturwissenschaftliches Wirken nach Goethe fallen in diesen Bereich.

Nun werden bestimmt einige aufschreien und sagen: Nein, das ist Geschichte und teilweise anerkannte Lehren. Aber bestimmt keine Esoterik! Wahrnehmung ist subjektiv. Erzeugt durch unser Gehirn und unser Bewusstsein.

Aber was genau ist den «Esoterik»?

Befasst man sich mit dem Begriff, kommt man zum Punkt, dass es keine wirkliche Abgrenzung gibt. Es ist halt eben «spirituell» oder schlicht okkultes Zeugs. Je nach dem mit wem man sich unterhält, bekommt man andere Meinungen und Weisheiten zu hören. Meist mit Hinweis, dass das alles nicht wissenschaftlichen Studien entspräche und damit nicht wirksam.

Also mache ich mich auf die Suche bei Pubmed1. Allein mit dem Suchbegriff «spiritual» erhalte ich eine Auswahl an über 24’700 Suchergebnissen mit Artikeln und Studienergebnisse diverser Couleur. Ist das nun alles esoterischer Quark, wenn sich offensichtlich selbst die moderne Medizin und Psychologie damit befasst? Und tunlichst den Begriff «Esoterik» vermeidet und stattdessen unter dem Begriff «Spiritual Care» dem ganzen einen wissenschaftlichen Touch in Form eines Masterabschlusses verleiht?2 Was notabene nicht bedeutet, dass damit nun alle Wissenschaftler und Ungläubige zu befriedigen wären.

Aber ist es in dem Falle nicht legitim, dass man in einer naturheilkundlichen Praxis, welche auf traditionellen Ansätzen beruht, spirituelle Sichtweisen mit in die Therapie integriert? Wo liegt die Unterscheidung zwischen naturheilkundlicher Arbeitsweise und fachmedizinischer Betreuung in Bezug zu esoterischen Sichtweisen, wenn offensichtlich selbst die evidenzbasierte Medizin Esoterik nutzt – es jedoch nicht so benennt? Die Antwort darf sich jeder selber geben.

Ja aber … mehr wie Placebo ist das nicht

Vielleicht ist das so. Vielleicht haben wir aber auch noch nicht alles okkulte in der Natur erforscht? Wäre nicht genau das Wissenschaft? Mögliche und denkbar unmögliche Wirkmechanismen akribisch zu ergründen? Zumal der Placeboeffekt durchaus bei gut 30% der Patienten eine Wirkung zeigt.

Selbst die evidenzbasierte Medizin nutzt das Phänomen der Placebos. Wieso also wird regelmässig mit dem Finger auf die Naturheilkunde gezeigt? Wir sind alles lebendige, fühlende Wesen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Neigungen und Empfindungen. Für manche Menschen oder Situationen braucht es standardisierte Verfahren, wie ein operativer Eingriff oder starke Pharmazeutika. Andere sprechen eher auf eine natürliche Medizin mit individueller Behandlung an. Nicht zu vergessen, dass oftmals auch das Krankheitsbild einen Einfluss auf die benötigen Therapien hat. Bei einem Notfall geht es ab in die Klinik – bei schulmedizinisch Austherapierten kann man aber oft in der naturheilkundlichen Praxis eine Reduktion der Beschwerden bewirkten. Was zu einem Mehrwert der Lebensqualität führt.

Ob dies nun durch Placebo, Engel, Glaubenssätze oder wissenschaftlich anerkannter Pflanzenheilkunde und Pharmazeutika geschieht, ist schlussendlich egal. Sofern das Patientenwohl nicht gefährdet wird und man gemeinsam nach Lösungswegen zur Verbesserung der eigenen Gesundheit sucht. Ist doch allen gedient?

Wenn die Hexe zaubert

So gesehen kann vielleicht auch mal der Blick gestandener Wissenschaftler, in die naturheilkundliche Hexenküche, Aufschluss über unser Wirken geben. Statt gegeneinander zu arbeiten, wäre es doch schöner neugierig und mit viel Wissensdurst sich gemeinsam auf die Suche nach dem «Stein der Weisheit» zu begeben. Dies zum Wohle der gesamten Natur.

Eines ist für mich klar: Menschen kann man nicht komplett in statistische Zahlen abbilden, denn auch wenn wir Menschen über viele genetisch gleiche Marker verfügen, so sind wir Individuen. Und das ist gut so!

Da war doch noch was mit Reiki? Oder Handauflegen in der TEN

Eines gebe ich zu: Reiki hat nichts mit der europäischen Kultur zu tun. Es gehört jedoch sehr wohl in die traditionell japanische Heilkunde. Aber auch in Europa kennt man seit Langem die Kunst des Handauflegens. Moment da wären wir wieder bei der Esoterik!

Aber ein Blick über den medizinischen Zaun (Gerontologie, Uni Zürich) sagt – Zitat: «Eine Intervention, die multimodal wirken kann, ist das therapeutische Handauflegen. Dessen positive Wirkung ist in der Praxis zwar bekannt, aber bei Schmerzpatienten noch nicht systematisch erforscht worden.» 3

Wo genau liegt den nun der Unterschied zwischen dem Handauflegen in der Naturheilkunde und der gleichen Anwendung im klinischen Setting? Gerne lasse ich mich dazu belehren und aufklären. Weil ich sehe keinen Unterschied. Oder braucht man dafür jetzt auch schon einen Masterstudiengang?

Literatur und Quellangaben

  1. spirituell – Suchergebnisse – PubMed (nih.gov)
  2. Medizinische Fakultät der Universität Basel: Master of Advanced Studies in Spiritual Care
  3. Uni ZH: Die Wirkung von achtsamer Berührung auf das Wohl- und Schmerzempfinden